Die Stammesehre

19,50 

  • Gebundene Ausgabe: 200 Seiten
  • Verlag: Kinzelbach, Donata; Auflage: 1 (August 1996)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3927069337
  • ISBN-13: 978-3927069336
  • Größe und/oder Gewicht: 14,5 x 2,4 x 22,5 cm

 

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Artikelnummer: 978-3927069336 Kategorie: Schlüsselworte: , , Product ID: 2575

Beschreibung

Der 1945 geborene Rachid Mimouni war Professor für Ökonomie in Algier, ehe er mit seinen Romanen, Erzählungen und Essays über den Maghreb hinaus berühmt wurde. Etliche Bücher von ihm sind auf dem Umweg über Frankreich, wo Mimouni seit langem in hohem Ansehen steht, auch nach Deutschland gelangt: zuletzt der im Innsbrucker Haymon-Verlag erschienene Roman “Der Fluch”, der Mimounis Vaterland Algerien im Aufruhr zeigt und sich im Krieg zwischen dem Militär und den Islamisten auf die dritte, von beiden Kriegsparteien brutal bekämpfte Seite stellt – auf die der zivilen Gesellschaft.

Mimounis Literatur ist ein leidenschaftlicher Appell, Algerien aus der Zwangsalternative von Militär und Islamismus zu befreien; denn die Wahl zwischen dem korrupten, auf gnadenlose Liquidierung seiner Gegner setzenden Militärregime und der fundamentalistischen Opposition, die alle Ungläubigen in die Luft jagen, umerziehen oder zumindest außer Landes jagen möchte, ist keine. Daß es in Algerien nicht allein um den Krieg zwischen Generälen und Mullahs geht, sondern um die Hunderttausende von Menschen, die sich dem Diktat weder der einen noch der anderen beugen möchten, das ist im Westen die längste Zeit nicht erkannt worden. Folglich wurden die demokratischen Kräfte Algeriens in Europa kaum einmal wahrgenommen und so gut wie gar nicht unterstützt.

Mit Büchern wie “Der Fluch” zog sich Mimouni die Feindschaft der Islamisten zu, indes er wegen derselben Bücher auch des staatlichen Schutzes verlustig ging, den das korrupte Regime den Staatsbürgern nur je nach deren Willfährigkeit zu gewähren pflegt. Anfang der neunziger Jahre mußte er, eine zentrale Gestalt des geistigen Lebens in Algerien, untertauchen; 1995 ist Mimouni, kaum fünfzigjährig, in einem französischen Krankenhaus, in das er viel zu spät kam, um eine Gelbsucht behandeln zu lassen, überraschend gestorben. Postum ist jetzt die deutsche Erstausgabe seines Romans “Die Stammesehre” erschienen, der wieder von des Autors verzweifelter Liebe zu seinem zerrissenen Heimatland kündet.

In “Die Stammesehre” geht Mimouni weit in die algerische Geschichte zurück, indem er in einer kühnen historischen Überblendung zugleich von der Inbesitznahme des Landes durch die französische Kolonialmacht und, einige Generationen später, von der Inbesitznahme des Landes durch die Nomenklatura der antikolonialistischen Befreiungsbewegung erzählt. Die Leute aus Zitouna jedenfalls, einem unwegsamen Bergdorf fernab vom Mittelmeer, erleben den Einbruch der einen wie der anderen Macht gleichermaßen verheerend. Ja auch die von algerischem Nationalismus beflügelten Befreier sind ihnen Fremde, denen sie sich in ihrem Stammesdialekt so wenig verständlich machen können wie einst den französischen Besatzern: “An wen sollen wir uns wenden? Die Richter von heute ähneln denen aus der Kolonialzeit und sprechen die gleiche Sprache.”

Als vor Zeiten die Franzosen aus dem “Land der Kälte” übers Meer kamen, so erzählt es der greise Chronist des Dorfes, da mußte sein Stamm, der seit Menschengedenken dort gelebt hatte, den fruchtbaren Küstenstreifen verlassen und sich ins wasserarme, von der Sonne ausgedörrte Hochland flüchten. Dort ist der Stamm vergessen und von keiner segensreichen Reform je erreicht worden: “Die Gesetze, die in so weiter Ferne verabschiedet wurden, erlahmten unterwegs oder gingen an Altersschwäche ein, lange bevor sie die Steigung erreichten, die zu uns hinaufführte.” Mochte sich auch die ganze Welt verändern, im Dorf blieb alles beim alten. Der Imam bestimmt, was Rechtens ist, die Männer sitzen beisammen und machen Dorfpolitik, die Frauen sind in die Häuser verbannt, denn “ihr Geist ist oft noch unreiner als ihr Geschlecht”.

Mimouni erzählt mit mildem Spott, doch nicht ohne Zuneigung von einer bornierten Provinzwelt, in der das Leben nach altem Brauch und islamischer Tradition erstarrt ist. Was immer von draußen kommt, etwa die Anordnung, eine Schule zu errichten, gilt den frommen Männern von Zitouna als Versuchung und Sünde. Das Mißtrauen der Dörfler ist freilich durchaus berechtigt, denn alles, was die Mächtigen für sie ersinnen, wirkt sich auf ihre Gemeinschaft verheerend aus. Und ob es sich um Franzosen oder Algerier handelt, die ihn beherrschen, der Staat tritt ihnen stets als Modernisierer entgegen, der dem Stamm die alten Sitten austreiben möchte. Und fürwahr, in der mythenentrückten Hauptstadt leben “Männer, die so mächtig sind, daß ein einziges Stirnrunzeln Beben im ganzen Land zur Folge hat”.

Überlegen, zuweilen sarkastisch zeigt Mimouni, daß solche Beben, die in den Köpfen von dilettantischen Fünfjahresplanern ihren Ausgang nehmen, nicht nur die überkommene, dem Untergang geweihte Sozialordnung des Dorfes zerrütten; die zentrale Planung zerstört vielmehr auch die ökologischen Grundlagen Algeriens. Und so finden sich die Dörfler zuletzt als Tagelöhner der Industrie wieder und auf ihrem enteigneten, großflächig veränderten Land nicht mehr zurecht. In all ihrer Borniertheit sind sie nahezu wehrlose Opfer, und darum gehört ihnen die Sympathie des Autors, der reichlich Verachtung über die französischen Kolonialherren von gestern und die algerische upper class von heute gießt. KARL-MARKUS GAUSS

Zusätzliche Information

Gewicht 0.452 kg
Größe 14.5 x 2.4 x 22.5 cm

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