Leseprobe aus „Hochzeit der Vampire“ von Hagen Ulrich

Wie wird man zum Autor? Bei mir war es das Ergebnis eines Kinobesuches. Und zwar ausgerechnet Twilight. Und um es zu steigern, es war auch noch eine Ladys Night im Kinopolis und das kam so.

Zusammen mit zwei Freunden wollte ich mir Twilight ansehen. Glitzernde Vampire, mal was Neues. Im Freundeskreis gab es das übliche Geläster über den melancholischen Edward, den hypermaskulinen Jacob sowie die lediglich zu einem Gesichtsausdruck fähige Bella. Egal, wir wollten in den Film und ich bekam die Order, Karten zu besorgen. Zeit und Ort wurde festgelegt, das Kinopolis in Bad Godesberg.

Ich war etwas unaufmerksam, und besorgte die Karten, ohne genau darauf zu achten, um was für eine Vorstellung es sich handeln würde. Kurz vor 20 Uhr kamen wir in den großen Saal des Kinos und sahen uns 400 Mädels zwischen 15 und 50 gegenüber. Und ein paar Jungs, die vermutlich als Strafe für irgendwelche Fußballorgien im Wohnzimmer hatten mitkommen müssen.

Es war eine Ladys Night zu Twilight

Wir sahen uns kurz an und verständigten uns wortlos. Es war klar, vor der weiblichen Übermacht würden wir nicht zurückweichen. Wir doch nicht!

Und es war die beste Entscheidung, die wir je getroffen hatten. 400 Mädels, aufgeteilt auf Team Jacob und Team Edward, angesichts des Anblickes von Robert Pattinson oder Taylor Lautner kurz vor einem Eisprung stehend. Wir warteten darauf, dass irgendwelche Slips auf der Leinwand landen würden. Man muß soetwas erlebt haben.

Eine Ladys Night im Kino ist in etwa das weibliche Äquivalent zu einem Fußballabend nur für Jungs vor der Großbildleinwand mit mehreren Kisten Bier und einem Grill. Gegröhle, Gejohle „Schiri wir wissen, wo dein Auto steht“.

Wir haben es genossen und bei mir kam die Frage auf, warum ein Urban Fantasy Roman mit Vampiren in den USA spielen muß. Die Überlegungen führten zu der Idee, selber ein Buch zu schreiben. Es mündete schließlich in einen Romanentwurf, in dem ein junger schwuler Vampir aus Marokko als Gaststudent nach Bad Godesberg verpflanzt wird und in eine Familie mit einem leicht gestörten Studenten gerät. Romantasy pur mit vorangeschaltetem Kleinkrieg zwischen schwulen Jungs. Der Entwurf wurde an Verlage geschickt und binnen einer Woche kam eine Antwort und im Herbst 2012 erschien mit Hochzeit der Vampire mein erster Fantasyroman, dem noch einige folgen werden.

Beigefügte Leseprobe stammt aus dem Buch und beschreibt eine Phase, in der die beiden Protagonisten eine etwas heftigere Auseinandersetzung miteinander haben. Elias, der junge Vampir aus dem Clan der Bucharis, läßt sich die zahlreichen Beleidigungen, die von seinem Mitbewohner Jan ausgehen, nicht mehr gefallen und wehrt sich.

 

Grenzen

Die Gelegenheit, Jan seine Grenzen aufzuzeigen, kam früher als gedacht. Am nächsten Morgen stieß Elias auf dem Weg zum Frühstück mit Jan zusammen.

»Pass doch auf, Kameltreiber!«

Jetzt reicht es mir endgültig. In ihm explodierte etwas, knurrend drehte Elias sich zu Jan um, das Geräusch kam tief aus seinem Körper und erreichte eine unerwartete Lautstärke. Dann, obwohl er jünger, kleiner und leichter war, packte er Jan mit einer Hand am Kragen seiner Lederjacke und drückte ihn an die Wand. Mit der anderen Hand griff er seinen Unterarm und verdrehte ihn nach hinten. Mit einer gewissen Genugtuung sah er, dass Jan schmerzhaft das Gesicht verzog. In seiner Wut zischte er ihn auf Französisch an.

»Hör zu, du Naziarsch, ich sage es dir jetzt ein einziges Mal. Nur ein einziges Mal und du hörst mir jetzt genau zu.«

In der Küchentür standen Monika und Clemens und verfolgten das Geschehen besorgt. Sie verstanden jedes Wort, das Elias ihm ins Gesicht fauchte. Über dem Treppengeländer tauchten die Gesichter von Nina und Mounia auf.

»Ich lasse es mir nicht länger gefallen, wie du mich behandelst. Du tust, als sei ich der letzte Dreck, beschimpfst mich, deckst mich mit üblen Beleidigungen ein und hältst dich für wer weiß was. Mir ist nicht klar, was ich getan habe, um das zu verdienen. Kannst du es mir sagen?«

Jan blickte ihn völlig überrumpelt aus weit aufgerissenen Augen an. Mühelos hob Elias ihn an und wirbelte ihn um sich herum, um ihn wieder an die Wand zu klatschen. Ein ums andere Mal tanzte er förmlich mit ihm über die Treppe, drückte ihn erneut an die Wand und ließ gerade genug Pausen, um ihn wütend mit seinen Fragen zu bombardieren. Ein gewaltvoller Pas-de-deux auf der Treppe.

»Ich warte!«, brüllte er zornig und ließ nicht locker, als er ihn schüttelte. »Ich helfe dir mal auf die Sprünge, Naziarsch. Kameltreiber hast du mich genannt. Soll ich dir etwas über Kamele verraten? Kamele sind so wichtige Tiere in unserer Heimat, man würde dir noch nicht gestatten, im gleichen Stall zu übernachten!«

Jan wollte sich wehren, doch Elias schob ihn mir nichts dir nichts die Wand hoch und hielt seinen Arm so fest, dass er ihn kaum spürte.

Der junge Vampir war in Rage und steigerte sich noch. Wieder wirbelte er ihn herum, wieder bewegten sie sich auf der Treppe.

»Weißt du überhaupt, wer ich bin? Meine Familie hat schon Recht gesprochen und dafür gesorgt, dass Leute Lesen und Schreiben lernen, da haben deine Vorfahren noch um ein Lagerfeuer gesessen und es als gesellschaftliches Highlight betrachtet, wenn der Stamm ein Wettfurzen veranstaltete! Zu Hause hätten unsere Leute dich Staub fressen lassen für jeden schiefen Blick, den du mir zuwirfst«, fauchte er aufgebracht und registrierte, dass Jan sich befreien wollte. Erneut riss er ihn zu sich ran und knallte ihn wieder an die Wand. »Wage es ja nicht, ich bin noch längst nicht fertig mit dir!«

Elias ließ den Blonden los, der die Treppe hinunterrutschte, und zerrte ihn hoch, sodass sie sich jetzt Nase an Nase gegenüberstanden.

»Und was war das noch? Ich habe da was von Schafficker gehört! Und Bombenleger!«

Elias hörte, wie die stillen Zuhörer nach Luft schnappten.

»Junge, jetzt beruhig dich doch!«, rief Clemens von unten, doch Monika legte ihm die Hand auf dem Arm und hielt ihn zurück.

»Meine Schwester und ich sind hierhergekommen, um etwas zu lernen und weil unsere Großmutter meinte, dass es uns vielleicht ganz gut tun würde, ein anderes Land zu sehen. Bombenleger ja? Schafficker ja? Mounia und ich, wir haben vor zwei Jahren mehr als die halbe Familie verloren, weil irgendein Idiot von einem übereifrigen US-Soldaten zwei Flugziffern verwechselte und eine harmlose Passagiermaschine zum Abschuss freigab. Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen – alle tot. Da saß auch mein Cousin Samy drin, mein bester Freund. Na, da hat uns aber jemand gefickt, was? Auf einen Schlag fast alle tot, die du liebst, die dich lieben, mit denen du aufgewachsen bist! Toll, was?! Und dann kommt so ein Blödmann wie du und nennt mich einen Bombenleger!«

Elias holte schwer Luft. Er ballte seine Faust und holte aus, fast hätte er Jan geschlagen. Seine Wut war grenzenlos. Er funkelte Jan an und wirbelte ihn erneut um sich herum, um ihn wieder an die Wand zu klatschen.

»Wie ich sehe, fällt dir nichts ein. Reicht deine beschränkte Synapsenkapazität dafür nicht aus? Wie war das mit ‚blond und blöd‘?«

Der junge Buchari-Vampir machte eine kleine Pause und ließ Jan los, der an ihm vorbei ins Wohnzimmer flüchtete.

»Ist das die einzige Sprache, die du sprichst? Beleidigungen und Demütigungen? Die Sprache beherrsche ich notfalls auch. Du wirst uns künftig mit aller Höflichkeit behandeln, wie auch wir sie dir die ganze Zeit entgegengebracht haben. Noch eine einzige Beleidigung, und ich wische mit deinem Gesicht den Boden auf – und glaub mir, ich kann das!«, brüllte er ihm hinterher, doch es kam keine Antwort.

Er sprang ihm hinterher und ergriff ihn erneut, um ihn an den Türrahmen zu knallen.

»Keine Antwort drauf? Ist das so? Da fällt dir wohl nichts mehr ein, du Arsch?«

»Lass mich gefälligst los, Du …!!«

»Ich … was? Was möchtest du sagen? Ich warne dich, keine Beleidigung mehr!«, zischte Elias aufgebracht und Auge in Auge standen sie sich gegenüber. Die beiden atmeten heftig, Elias vor Wut und Jan standen Überraschung und Angst ins Gesicht geschrieben.

Dann war Elias Wut mit einem Mal verraucht und er sah Jan in dessen blaue Augen. Augen, deren Farbe und Strahlkraft er eigentlich wunderschön fand, Augen, die unter blonden Brauen lagen, die er lieber streicheln würde. Leise sagte er noch zu ihm:

»Ach Jan, was soll dieser Kleinkrieg? Willst du das wirklich? Ich hätte es lieber anders!«

Dann ließ er den Blonden los, drehte sich um und ging in sein Zimmer. Nina blickte Elias traurig an, Mounia ließ ihrem Bruder in Gedanken ein ‚Recht so!‘ zukommen.

»Ach, lass mich in Ruhe!«, antwortete er ihr, denn er fühlte sich nicht wirklich besser nach diesem Wutausbruch.

 

Jan war nun wie betäubt. Wie durch einen Schleier nahm er wahr, dass Clemens besorgt zu ihm kommen wollte, aber von Monika zurückgehalten wurde.

»Lass ihn, das war fällig«, sagte Monika leise, und verschwand mit Clemens in der Küche. Und Jan konnte es nicht fassen, denn er hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass seine Strategie nicht aufgehen könnte. Bei den anderen Studenten, die ihm nicht passten und die er so vergraulen wollte, hatte das funktioniert.

Elias hingegen wehrte sich. Und das nicht zu knapp. Er hatte ihn seine Kraft spüren lassen. Und was für eine Kraft, wo nahm dieses schmale Handtuch diese Power her? Mit einem Arm hatte Elias ihn mühelos hochgestemmt und um sich herumgewirbelt, scheinbar mühelos, und ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Verdammt, wie hast du das gemacht, ich hatte überhaupt nicht die geringste Chance gegen dich? Und diese Augen, trägst du Kontaktlinsen? So grün können Augen doch gar nicht sein?

Und dann die Info, dass die beiden Bucharis die halbe Familie verloren hatten und Waisen waren. Ihm und seiner Schwester gar nicht so unähnlich. Das musste er verdauen. Und was sollte bedeuten, dass Elias es lieber anders hätte? Jan war total verwirrt.

 

Nach der handgreiflichen Auseinandersetzung der jungen Männer kehrte etwas Ruhe ein in der Villa. Jan wurde höflicher gegenüber den beiden Bucharis. Es reichte für ein ‚Guten Morgen‘ und ‚Guten Abend‘, die Zwillinge bekamen beim Abendessen auch von Jan den Brotkorb gereicht, wenn dieser außerhalb der Reichweite stand. Aber das war es dann auch, wie Monika feststellte.

»Clemens, das ist ein kalter Friede zwischen den beiden Jungs«, meinte sie eines Abends zu ihrem Mann. »Jan ist ein bisschen höflicher geworden gegenüber den beiden. Aber mehr auch nicht.«

»Wenigstens prügeln sich die beiden nicht«, seufzte Clemens, »einen Augenblick hatte ich wirklich Sorge um Jan, als Elias so auf ihn losging. Ich kann ihn ja verstehen, an Elias Stelle wäre ich auch aus der Haut gefahren. Aber einen Moment hatte ich wirklich Angst, dass der Vampir in ihm ausrastet. Hast Du gehört, wie er ihn angeknurrt hat? Da lief es mir kalt den Rücken runter.«

»Elias würde ihm nichts tun, da bin ich mir sehr sicher. Er möchte nur freundlich von Jan behandelt werden. Nina hat auch schon versucht, Jan zu bewegen, sich abends dazuzusetzen, wenn sie mit den Zwillingen diskutiert, Musik hört oder Filme anschaut«, sagte sie und nach einer Weile nachdenklichen Schweigens fügte sie noch etwas hinzu. »Elias hat einige Tage nach der heftigen Auseinandersetzung ziemlich schüchtern versucht, Jan zum Reden zu bringen. Ich hab zufällig gehört, wie er ihn gefragt hat, ob sie nicht vielleicht zusammen einen Kaffee in der Stadt trinken gehen könnten.«

»Ach? Wie das denn?«

»Es war an dem Morgen, als Du so früh weg warst zu den Bienen, da trafen sich die beiden an der Haustür nach dem Frühstück. Und da sagte Elias, er sei am Nachmittag im Starbucks und fragte Jan, ob er nicht Lust hätte, dort mit ihm einen Kaffee zu trinken?«

»Und?«

»Jan hat natürlich nein gesagt, ziemlich höflich zwar, aber eben nein. Er hätte noch im Seminar zu tun. Vielleicht ein anderes Mal.«

»Es wäre auch ein Wunder gewesen. Elias war natürlich enttäuscht?«

»Natürlich, das war ihm anzusehen, aber er bemüht sich trotzdem weiter und gibt nicht auf. Aber weißt du was?«

»Hm?«

»Ich habe zufällig Jans Gesicht gesehen, im Spiegel, der im Flur hängt. Und als unser blonder Sturkopf Elias hinterher sah, wie der aus dem Haus lief, da sah er anders aus, nicht mehr so abweisend, eher nachdenklich und verwirrt.«

»Du und deine Beobachtungen, ich weiß nicht!«, lächelte Clemens.

»Doch, ich glaube, bei Jan reift allmählich die Erkenntnis, dass Mounia und Elias ihm nichts Böses wollen.«

»Na hoffentlich, auch wenn ich da meine Zweifel habe!«

 

Es wurde Winter, die Vorlesungen an der Uni hörten auf und die Winterferien begannen. Weihnachten stand vor der Tür, Monika und Clemens überlegten, wie sie die Feiertage gestalten könnten.

»Was hältst du davon, wenn wir Faris einladen?«, fragte Monika ihren Mann, als sie über die Planung der Feiertage sprachen.

»Nur wenn er seine Klarinette mitbringt«, meinte Clemens begeistert. »Und wir laden Oleg und Hubert dazu. Lass uns damit Elias und Mounia überraschen.«

Gesagt, getan. Mit den notwendigen Formalitäten hatten die Meyer-Frankenforsts Erfahrung, Faris war schon des Öfteren zu Besuch gewesen. Eine E-Mail an ihn klärte, ob er Zeit und Lust hatte, für eine Woche nach Bonn zu kommen. Er hatte gern zugesagt, denn er wollte sich auch überzeugen, wie sich die Zwillinge eingelebt hatten und wie es ihnen ging. Außerdem wollte er ein wenig mit Elias konzertieren.

 

Weihnachten hieß, den üblichen Geschenkestress zu stemmen. Manchen Leuten machte es Spaß, Geschenke für die Familie auszusuchen, für andere war es ein Gräuel. Für die Bucharis war Weihnachten Neuland, im Atlasgebirge wurde Weihnachten nicht gefeiert. Aber sie merkten, dass es eine wundervolle Gelegenheit zum Shoppen war, das ließen Nina und Mounia sich nicht entgehen. In dubio pro shopping, lautete die Devise.

Sie zerrten Elias mit, seine Proteste überhörten sie einfach. Er diente in jedem Fall als williger Packesel für die zahlreichen Tüten und ergab sich bald in sein Schicksal.

»Was hab ich bloß verbrochen, dass Allah mich so hart prüft?«, kam es nicht ganz ernst über seine Lippen.

»Allah hat bestimmt nichts dagegen, dass man Leuten, die man mag, ein kleines Geschenk macht«, meinte Nina trocken. »Und soweit ich weiß, hat auch der Islam Maria und Jesus einen gewissen Platz eingeräumt. Also geht es weiter. Da vorn waren wir noch nicht drin.«

»Ach, es gibt tatsächlich noch einen Laden, in dem wir nicht waren? Kann gar nicht sein. Und wenn ich nicht bald einen Kaffee bekomme, setze ich mich einfach hin und ihr könnt euch einen anderen Lastesel suchen!«

»Ist ja gut, wir haben verstanden. Gehen wir einen Kaffee trinken. Dort vorne ist ein Starbucks, machen wir Pause.«

Seufzend ließ sich der junge Vampir am Fenster nieder. Er streckte alle viere von sich und räkelte sich im Sessel. Währenddessen holten die Mädels Kaffee, Sandwiches und Muffins, um ihren Packesel wieder aufzutanken.

»So, wartet mal. Für wen brauchen wir noch etwas?«, überlegte Nina, während auch sie einen Kaffee schlürfte. »Für Clemens haben wir einen Bildband über Orchideen, für Monika das Kochbuch mit Rezepten aus dem Maghreb und für Jan … hm … letztes Jahr habe ich ihm ein Probierset mit speziellen Proteinen für seinen Muskelaufbau geschenkt. Das hat er schnell verbraucht und er war sehr angetan. Das kann ich übers Internet ordern. Für den alten Doktor haben wir eine Biografie von Ibn Sina und für Oleg einen Bildband über seine alte Heimat Ostpreußen.«

»Für Onkel Faris habe ich …« Nina stockte und biss sich auf die Zunge. Zu spät. Elias‘ Kopf tauchte aus dem Kaffeepott auf.

»Wieso Faris? Kommt er etwa auch?«

»Shit! Das sollte ich euch ja nicht sagen. Das ist eine Überraschung von Monika und Clemens für euch. Also sagt bloß nicht, dass ihr es schon wisst!«

Mounia überlegte noch. »Was kann man denn Jan schenken? Verdient hat er eigentlich nichts. Hey Nina, was bekommen böse Jungs zu Weihnachten?«

»Eine Rute!« Nina lachte. »Nun sei nicht so gemein, die letzte Zeit war er doch ganz nett – für seine Verhältnisse.«

»Nett ist der kleine Bruder von Scheiße! Wie wäre es mit einer Stalinbiografie? Oder einem Ticket nach Teheran, mit den ‚Satanischen Versen‘ von Salman Rushdie im Gepäck?«

»Boah, wat fies«, lachte Nina. »Komm schon, Weihnachten ist das Fest der Liebe, da ist kein Platz für Gemeinheiten, das gilt auch für Jan. Auch er wird nett sein an den Feiertagen …«

»… und daran ersticken!« ergänzte ihre Freundin boshaft.

»Mädels, das übernehme ich«, sagte Elias, der eine Idee hatte. »Ich kümmere mich um das Geschenk für Jan.«

»Was willst du ihm schenken? Willst du ihm den Tannenbaum um die Ohren schlagen? Gute Idee! Oder ihn als Deko am höchsten Ast aufhängen? Ich mach sofort mit«, lästerte seine Schwester.

»Ich hatte etwas Nettes im Sinn!« Elias war verlegen.

»Warum?«, fragte Nina erstaunt. »Er war die ganze Zeit fies zu dir und hat sich wie ein Arsch benommen, um euch aus dem Haus zu ekeln.«

»Nun ja, das heißt doch aber nicht, dass ich auch ein Arsch sein muss, oder?«

»Apropos Arsch, kommt es mir nur so vor, oder starrst du ihm des Öfteren auf selbigen?«, wollte Mounia wissen und kicherte.

Nina riss die Augen auf. »Bitte was?«

Elias wurde rot und vertiefte sich in seinen Kaffeebecher. »Wie kommst du denn darauf?«

»Ach nee, daher weht der Wind also. Du interessierst dich für ihn. Gib es zu! Oh Mann. Muss es unbedingt der blonde Naziarsch sein?«, wollte Mounia entgeistert von ihrem Bruder wissen.

»Hey, mein Bruder ist kein Nazi!«, nahm Nina ihren Bruder in Schutz.

»Na, dann hat er aber ein beneidenswertes schauspielerisches Talent. So wie er uns ansieht und behandelt, möchte man meinen, er verteidigt das christliche Abendland gegen eine Horde Koran schwenkender Invasoren!« Elias‘ Schwester ließ nicht locker. »Und sag jetzt nicht, er sei sonst ganz nett!«

Zu ihrem Bruder gewandt, meinte sie: »Und?«

»Ich weiß nicht«, räumte Elias ein. »Jan interessiert mich irgendwie. Schon vom ersten Tag an.«

»Na, dann hoffe ich mal, dass du ein Faible für Masochismus hast und darauf stehst, von ihm getreten zu werden. Das kann er ja nun wirklich sehr gut!«

»Mädels, ruhig jetzt. Ich glaube, ich habe für Jan ein Geschenk und der Rest ist meine Sache«, grummelte Elias.

»Und dann zu mir kommen und sich bei mir ausweinen. Ich kann dann wieder den Seelentröster spielen«, schüttelte seine Schwester den Kopf. »Ich fasse es nicht! Wartet mal, ich muss mal die Nase pudern, wenn ihr versteht.«

Sie stand auf und entfernte sich zwischen den Tischen.

»Elias?«

»Ja?«

»Hast du dich in meinen großen Bruder verliebt?«

Er biss sich auf die Lippe und wollte nicht direkt antworten. »Schau Nina, kennst du die Idee, dass es für jeden auf der Welt eine Person gibt, deren Herz genauso und nur für dich schlägt? Ich habe das Gefühl, dass Jan es für mich sein könnte.«

»Eine romantische Vorstellung, aber schön. Und du glaubst, dass ausgerechnet mein Bruder für dich der Richtige ist? Mein lieber Bruder ist gefühlsmäßig nicht gerade die hellste Kerze auf dem Geburtstagskuchen.«

»Vielleicht nicht«, gab er zu. »Ich habe aber den Eindruck, dass Jan große Ängste hat. Er sitzt wie in einer Burg und man kommt nicht an ihn ran. Jedenfalls war das mein erster Eindruck von ihm. Hatte er überhaupt schon einmal eine Freundin?«

»Nee, nicht wirklich. Immer nur One-Night-Stands, so viele, dass wir es aufgaben, uns die Namen zu merken.«

»Dann wollen wir mal sehen.« Elias lächelte immer noch über das ganze Gesicht, als Mounia zurückkam. »So lasst uns heimgehen, ich bin müde und wir können ja immer noch die nächsten Tage wieder in die Stadt fahren.«

»Und kein Wort, dass ich euch von Faris‘ Besuch verraten habe!«

Die Zwillinge versprachen Nina, dichtzuhalten.

»Hey Leute, was haltet ihr davon, heute Abend auf die Piste zu gehen? Es laufen doch überall Weihnachtspartys in den Kölner Clubs.«

»Ich weiß nicht«, zögerte Elias.

»Komm schon, Brüderchen, du musst mal raus. Lass uns nach Köln fahren, da können wir jede Menge Jungs gucken. Vielleicht finden wir ja dort in den Clubs was Nettes für dich«, schlug Mounia vor, und Nina schloss sich ihr an.

»Lass uns Ivana fragen, die kommt bestimmt auch mit.«

Schon zückte sie ihr Handy und rief ihre Kollegin an.

»Hi, sag mal, Lust auf Party? – Wofür sind Freundinnen denn da? Wir holen dich nachher ab, so um 22 Uhr? Bis später!« Sie legte auf. »Bestens. Kevin hat Freunde eingeladen, Fußball schauen, es ist für sie die Hölle, wenn sie das ertragen muss. Sie kommt mit.«

Die beiden Geschwister und Nina kehrten nach Hause zurück, verstauten die Geschenke und ruhten sich ein wenig aus. Dann wurde schnell etwas gegessen und sich partyfertig gemacht. Elias fand den Gedanken an Party auch immer besser. Etwas anderes sehen, tanzen und sich amüsieren, keine schlechte Idee. Er zog sich um und ging in die Küche, wo Monika mit Töpfen und Pfannen jonglierte. Nina saß schon da und wartete. Clemens half Monika, indem er Kartoffeln schälte.

»Na, was habt ihr vor?«

»Paaaaaaaaaarty! Abfeiern in Köln, Jungs gucken und dann tanzen, bis nix mehr geht!«

»Wer fährt denn?«

»Nina opfert sich, sie hat es vorgeschlagen. Wir holen noch eine Freundin ab und dann geht es los.«

»Wo wollt ihr denn hin?«

»Ins Venue, da sind wir Mädels wenigstens vor grapschenden Jungs sicher, die uns anbaggern wollen, und haben trotzdem Spaß.«

»Hübsche Jungs um euch herum, die euch in Ruhe lassen? Verstehe schon. Und da willst du mit, Elias?«

»Ja, einer muss ja auf die Mädels achten, allein ist es doof und ich wollte auch mal wieder raus, was anderes sehen«, sagte Elias fest entschlossen. »Ein bisschen Spaß haben, tanzen und vielleicht mal jemand kennenlernen. Nur lernen und lernen, das geht nicht.«

Und über Jan ärgern, hätte er beinahe noch gesagt, es sich dann aber verkniffen.

»Soso. Was ist mit Jan? Habt ihr ihn gefragt? Vielleicht hat er auch Lust mitzukommen?«

»Nöööö, haben wir nicht, wir wollen ja Spaß haben. Bevor der sich wieder mit Elias in die Haare kriegt und ihn angiftet, das versaut nur den Abend, da lasse ich ihn lieber zu Haus.«

»Wo ist Jan überhaupt?«

»Zuletzt soll man ihn gesehen haben, wie er am Drachenfels herumkrauchte und irgendwas brabbelte von ‚Schatz! Mein Schatz! Sie haben ihn uns gestohlen. Mein Schatz!‘«, lachte Nina.

Elias fühlte Monikas prüfenden Blick auf sich ruhen. Etwas resigniert dachte er, dass sie ihn durchschaut hätte. Es wär ja eigentlich schön, wenn Jan mitkäme, hoffte er. Vielleicht ist er in einem Club anders drauf.

In dem Augenblick ging die Haustür auf und Jan kam herein, die Sporttasche in der Hand.

»Jan, die Mädels wollen nach Köln, Party machen. Jungs gucken. Da gibt es einen Club, wo nur Jungs rumlaufen und die Mädels sicher sind vor Grapschern. Willst du nicht mitfahren? Elias will auch mit«, schlug Monika ungeachtet Ninas vorher geäußerter Bedenken vor.

Elias hielt die Luft an und wagte nicht zu hoffen. Jan hingegen sah aus wie, ja, wonach sah das eigentlich aus? Sein Gesicht spiegelte vieles, darunter eindeutig Überraschung, Neugierde, Interesse und er blickte fragend zu Elias, der gerade etwas sagen wollte. Allerdings kam Mounia ihm zuvor.

»Monika, wir wollen uns amüsieren, Spaß haben, und wenn Jan mitkommt, dann pampt der nur irgendwann wieder meinen Bruder an. Was anderes kann der doch nicht.«

Jans Gesicht wurde sofort wieder verschlossen und eiskalt. Er kam in die Küche, nahm sich etwas zu essen und eine Flasche Wasser. »Nein danke, ich will noch etwas lesen. Bin müde vom Training und gehe früh ins Bett. Viel Spaß.«

»Jan, komm doch mit …«, kam es leise von Elias, doch Jan ignorierte ihn und verzog sich nach oben.

»Lasst uns losfahren, Ivana wartet sicher schon.« Nina drängte zum Aufbruch und die beiden anderen erhoben sich, nahmen ihre Jacken und folgten ihr zum Auto.

 

»Viel Spaß«, rief Monika hinterher, als die Haustür sich schloss. »Puh, warum müssen die Jungs sich das nur so schwer machen?«

»Hast du das auch gesehen?«

»So verkalkt bin ich noch nicht, dass ich das übersehe. Elias hätte Jan nur zu gern mitgenommen, und wenn Mounia nichts gesagt hätte, wäre Jan wohl mitgekommen. Er hat zumindest überlegt, das war doch deutlich zu sehen.«

»Ich mag mich täuschen, aber ich glaube, dass Elias Jan mag.«

»Nein, mein Lieber, das ist mehr als mögen, der ist in ihn verschossen.« Monika schüttelte den Kopf und ihr Mann hatte seine Zweifel.

»So wie unser Großer ihn behandelt hat und die beiden sich auf der Treppe beinahe geprügelt haben? Das glaubst du doch selbst nicht?«

»Doch, ich denke schon. Sonst würde er nicht weiterhin versuchen, mit Jan in Kontakt zu kommen. Er signalisiert ständig, dass er sich das wünscht, auch wenn Jan ihn so mies behandelt. Ich hoffe, dass die beiden sich irgendwann vernünftig miteinander unterhalten können. An Elias hapert es auf keinen Fall.«

 

Währenddessen hatten die Drei Ivana abgeholt, die froh war, einer Horde grölender Fußballfans entkommen zu sein.

»Ich bin ja froh, dass ihr kommt«, stöhnte Ninas Kollegin, »aber wenn ich an morgen denke, gruselt es mich jetzt schon. Kevin hat seine Freunde eingeladen, einige Kisten Bier kaltgestellt, um mit ihnen irgendein Fußballspiel anzusehen. Ich kann froh sein, wenn die Nachbarn nicht die Polizei wegen Ruhestörung rufen. Und an morgen darf ich gar nicht denken, da wird es in der Wohnung aussehen wie in Sodom und Gomorrha.«

»Wo seid ihr denn?«, rief Kevin aus dem Wohnzimmer. »Ich meine, in welchen Club geht ihr?«

»Ins Venue!«

»Kenne ich nicht, was ist das denn für ein Laden?«, sagte Kevin, als er neugierig aus dem Wohnzimmer kam.

»Ein schwuler Club, brauchst also keine Angst zu haben um deine Freundin«, lästerte Nina. »Wir wollen süße Jungs sehen, die tanzen und feiern können.«

»Und für Elias ein bisschen Abwechslung suchen, der muss mal etwas anderes sehen, als Ninas dummen Bruder«, kicherte Mounia aufgekratzt und rieb sich die Hände.

»Vielen Dank!«, brummte Elias, der sich den kritischen Blicken von Kevin ausgesetzt sah.

»Du kannst natürlich deine Kumpels anrufen und ihnen absagen. Und ins Venue mitkommen!«, schlug Nina harmlos lächelnd vor.

»Äh … nee, das geht jetzt nicht mehr … Champions League … und die Jungs sind schon unterwegs«, stotterte Kevin überrumpelt, drehte sich um und verschwand im Wohnzimmer. Sie hörte, wie er vor sich hinmurmelte: »Das fehlt mir noch, eine Schwuppenparty. Und dafür soll ich Fußball canceln, spinnen die denn total?«

»So, los jetzt. Lass uns am Verteilerkreis parken und mit der Bahn reinfahren, in der City finden wir jetzt keinen Platz mehr.«

 

Im Venue angekommen, das die Mädels im Gegensatz zu Elias schon kannten, war es noch ziemlich leer. Sie setzten sich an einen der Tische, organisierten sich ein paar Drinks und dann fingen die Mädels an, sich umzusehen. Elias war das erste Mal in einem schwulen Club und ziemlich beeindruckt.

»Netter Laden hier«, meinte er anerkennend. Nach kurzer Zeit tat der Alkohol seine Wirkung, und der sonst so zurückhaltende Junge verschwand in Richtung Tanzfläche. Seine Schwester blickte ihm hinterher, auch Nina war sehr überrascht.

»Da schau her, wer hätte das gedacht? Mein Bruder, die Tanzmaus!«

Inmitten hämmernder Bässe ließ es sich gut abschalten und es war für den jungen Vampir fast wie Laufen. Elias folgte den Klängen der Songs und amüsierte sich bestens. Um ihn herum eine Menge heißer männlicher Körper, wirklich geil. Plötzlich stand vor ihm ein Junge und begann, mit ihm zu tanzen und sich seinen Bewegungen anzupassen. Er bombardierte ihn mit herausfordernden Blicken und tanzte irgendwann dicht hinter ihm. Plötzlich hörte Elias eine Stimme in seinem Ohr:

»Lust auf einen Drink?«

Gleichzeitig fühlte er eine Hand an seinem Hintern. Elias nickte erregt und folgte dem Jungen an die Bar. Es war zu laut für eine Unterhaltung, Elias nahm den spendierten Daiquiry und stürzte ihn durstig hinunter. Er orderte noch zwei, und plötzlich fühlte er einen Kuss auf seiner Wange. Dann blickte er in blaue Augen, die ihn unter blonden Haaren hervor keck ansahen. Sein Gegenüber öffnete die Lippen und küsste ihn wieder, dieses Mal auf den Mund.

»Wie wär es? Hast du Lust?«

»Worauf?« Elias wusste nicht recht, was der Typ von ihm wollte.

»Komm mit, dann zeig ich es dir.«

Der Junge nahm ihn mit nach hinten zu einer Tür, die er mit einem Schlüssel öffnete. Einige Stufen führten hinunter in einen Getränkekeller.

»Ich arbeite hier gelegentlich, das ist hilfreich!«

Dann wurde Elias an die Wand gedrückt. Der blonde Junge küsste ihn wieder und öffnete mit den Händen Elias‘ Hose, fuhr mit der Hand in die Jeans und begann, Elias‘ Schwanz zu massieren. Schließlich zog er ihm die Hose runter und nahm Elias‘ Ständer in den Mund. Gierig begann er zu lutschen, seine Hände kneteten Elias‘ Hintern. Der etwas benebelte junge Vampir wusste kaum, wie ihm geschah. Schließlich fummelte der Junge ein Kondom aus seiner Tasche, und bevor Elias sich versah, hatte der Blonde es ihm übergezogen.

»Komm, fick mich.«

Er bückte sich und drückte sich direkt auf Elias‘ Ständer, der ganz seinem Instinkt folgte, als er die heiße Enge um seinen Schwanz spürte. Er stieß zu und der blonde Junge keuchte lustvoll und drückte sich ihm entgegen.

»Scheiße jaaa, fick mich!«

Elias ergriff ihn an den Schultern und es dauerte nicht lange, bis er kam. Ebenso der blonde Junge, der sich stöhnend den Schwanz knetete. Sie verharrten eine Weile, bis sich der Puls beruhigt hatte.

»Du bist gut ausgerüstet!«, meinte Elias, als er zu Atem kam.

»Man nimmt, was man kriegen kann!«, grinste der Junge und musterte Elias anerkennend. »Geiles Stück, ich wünsche dir noch viel Spaß. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.«

Elias lehnte an der Wand und war noch etwas neben sich. Als er nach einiger Zeit zurück nach oben in den Club kam, fiel er direkt seiner Schwester in die Hände, die sofort sah, dass sein Shirt aus der Hose hing. Mounia lachte und machte Nina aufmerksam, die ihn erstaunt ansah und den Kopf schüttelte.

»Nina, wie du siehst, hier laufen genug Typen rum, die sich für meinen Bruder interessieren. Auf den blöden Muskelboliden von deinem Bruder ist er gar nicht angewiesen.«

»Und wie war’s? Wusste gar nicht, dass du auf schnelle Nummern abfährst.«

«Geil war es. Ich will was trinken«, lallte Elias. Er ging zur Bar und bestellte sich den nächsten Cocktail, den er runterkippte. Irgendwann sahen ihn die Mädels wieder auf der Tanzfläche verschwinden, irgendwann gabelte er den nächsten Typen auf und verschwand mit ihm für eine schnelle Nummer. Auch die Mädels amüsierten sich, wenn auch nicht so wie Elias. Irgendwann stürzte ein Typ hektisch aus dem Keller, Elias hinter ihm her.

«Scheiße, du hast mich gebissen! Was soll das?«, rief der Junge entsetzt und rieb sich den Hals. »Auf sowas stehe ich aber nicht, du Spinner, da bist du hier falsch!«

Mounia blickte alarmiert auf. Im Gegensatz zu ihrem Bruder war sie halbwegs nüchtern. Auch Nina sah hinüber.

»Ich kümmere mich um den Jungen, schnapp du dir Elias!«

Der letzte Typ, der ihren Bruder abgeschleppt hatte, hatte eine deutliche Bissstelle am Hals, die etwas blutete.

Wütend griff sich Mounia ihren wankenden Bruder.

»Bist du total verrückt geworden?«

»Weiß auch nicht, der schmeckt aber nicht, der hat irgendwas Komisches im Blut. C’est bizarre, n’est-ce pas?«

»Mann, das gibt es doch nicht. Eine zugedröhnte Tucke und dein Bruder geht ihm an den Hals, was ist denn bloß los mit dem? Elias ist ja völlig von der Rolle! Kommt mit an den Tisch.«

Irgendwann saß er am Tisch und wurde mit einem dreifachen Espresso wieder aufgepäppelt. Plötzlich fing er an zu weinen und sank an Ninas Schulter.

»Merde, c’est absolument merde. Was will ich mit diesen kaputten Typen … ich will Jan! Warum kann ich den nicht haben? Der ist süß, zwar ein Idiot, aber der muss doch mal was merken. … Warum ist der bloß so dämlich?«

Die drei Mädels wussten nicht, ob sie lachen oder stöhnen sollten.

»Alles klar, das nenne ich Liebeskummer und Frustvögeln.« Ivana blickte mitfühlend zu Elias, der kurz vor dem Wegdämmern stand.

»Ach, die Typen hier sind kaputt? Die wollen nur ihren Spaß haben und sich ein bisschen amüsieren. Und was ist mit Jan? Ce grand fou!«, schimpfte Mounia erbost.

»Dummkopf, wolltest du sagen. Ja, damit hast du nicht unrecht. Mir fällt zu Jan auch nicht viel ein, er ist wirklich ein Idiot manchmal«, seufzte Nina. »Muss es denn unbedingt mein Bruder sein? Hier laufen doch genug heiße Jungs rum. Die fahren auf dich ab, aber nee, du musst dich ja unbedingt in meinen dussligen Bruder verlieben.«

So ging es den Abend weiter, und als Nina, Ivana und Mounia nach Hause wollten, mussten sie Elias fast tragen, da er selbst kaum noch laufen konnte. Im Auto schlief er ein, und nachdem sie Ivana abgesetzt hatten, bekamen sie ihn nur mit Mühe ins Haus und hinauf in sein Zimmer.

 

Natürlich wurden die beiden Meyer-Frankenforsts und auch Jan wach von dem Lärm. Sie hörten das Gekicher der Mädels und das undeutliche Gelalle von Elias. Dann wurde es still, als endlich alle im Bett lagen und schliefen.

 

Bis auf Jan, der noch wach war und vor sich hin grübelte. Wie Monika vermutet hatte, wäre er gern mitgekommen, wenn Mounia nicht die Bemerkung gemacht hätte. Und er hatte gehört, dass Elias ihn aufgefordert hatte, sie in den Club zu begleiten. Es war ja nicht das erste Mal, dass Elias ihn hatte einladen wollen. Da war das Angebot gewesen, sich auf einen Kaffee im Starbucks zu treffen, oder die behutsamen Versuche Elias, nach ihrem heftigen Streit mit ihm zu reden.

Er hatte sich den ganzen Abend geärgert, über sich selbst geärgert, dass er sich so schnell von Mounia hatte abbügeln lassen.

Plötzlich hörte er es poltern. Das Geräusch kam aus Elias‘ Zimmer. Jan kämpfte eine Weile mit seiner Neugierde und stand auf.

Er wollte nachsehen, was passiert war. Leise öffnete er die Tür zu Elias‘ Schlafzimmer und trat ein. Das Bett war leer und Jan hörte leise Schluchzer. Rasch ging er um das Bett herum und sah, dass Elias im Halbschlaf aus dem Bett gefallen war. So wie es aussah, war Elias total besoffen und lag vor dem Bett, halb zusammengerollt. Und – er weinte? Weshalb das denn? Warum weinst du?

Es war ein trauriges Bild, das ihn stark berührte. Elias sah so hilflos und traurig aus, so gar nicht bedrohlich, irgendwas in Jan zwang ihn, sich um Elias zu kümmern. Und so nahm er ihn behutsam auf die Arme, und setzte sich mit ihm im Arm auf die Bettkante.

Bald hörte Elias auf zu weinen und beruhigte sich, als sein Kopf an Jans Schulter ruhte.

Als Elias so in seinem Arm lag, mit dem Kopf an seiner Schulter, merkte Jan überrascht, dass das ein schönes Gefühl war. Er spürte den warmen Atem von Elias an seinem Hals. Ein Kribbeln ging ihm durch den Bauch. Elias fühlte sich warm an und Jan bewegte sich vorsichtig auf die Bettkante, um eine bequemere Position einzunehmen. Plötzlich bewegte sich der Junge und Jan schoss es siedend heiß den Rücken runter.

Scheiße, hoffentlich wird der jetzt nicht wach! Das fehlte mir noch.

Aber Elias kuschelte sich nur tiefer in Jans Arme. Jan blieb sitzen, hielt ihn und Elias murmelte vor sich hin. Und Jan hörte jetzt deutlich seinen Namen. Zärtlich hörte sich der Tonfall an. Wie ein Liebkosung flüsterte Elias seinen Namen. Durch das offene Fenster schien etwas Mondlicht auf Elias‘ Gesicht, und Jan sah ihn lächeln.

Jan musste zugeben, dass das ein Anblick war, der ihm gefiel. Er legte Elias vorsichtig auf das Bett und ließ seinen Kopf sanft auf das Kissen sinken. Dann deckte er ihn zu und ging nachdenklich wieder in sein Bett. Das Kribbeln in seinem Bauch blieb.

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