BAfmW-Arbeitsbericht 2017 – Auszug „Der Ring auf Reisen“

In diesen Tagen erscheint der aktuelle BAfmW-Arbeitsbericht 2017, in dem die Autoren des Bundesamtes für magische Wesen Auszüge und Kurzdokumentationen ihrer übers Jahr erstellten Arbeiten veröffentlichen. Beiliegender Auszug entstammt dem im Frühjahr 2018 erscheinenden fünften Band „Sebastians blutige Prüfung“ von Hagen Ulrich, der vom Himmelstürmer Verlag verlegt wird. Im BAfmW-Arbeitsbericht sind etwa 50 Seiten der Geschichte um den Plauener Studenten Sebastian Harrach gewidmet, der auf Veranlassung seines bigotten und dem religiösen Wahn verfallenen Vaters, des sächsischen CDU-Politikers Peter Harrach in eine polnische Klinik unter katholischer Trägerschaft entführt wurde, um dort von seinem Laster geheilt zu werden.

Unter umgeklärten Umständen wurde eine Leiche gefunden, die Peter Harrach als die seines Sohnes identifiziert und begraben hat.

Während Sebastians Freunde und sein Liebhaber, der Vampir Cosmin, in Trauer verfallen sind, entwickelt der im Turmhof zurückgebliebene magische Ring Sebastians eigene Aktivitäten und verschwindet.

 

Der Ring auf Reisen

Malika verstummte und sah zum Küchenfenster hinaus, durch das man in den vom Mond beschienenen Park blicken konnte. Dort hatte Cosmin Sebastians Urne schließlich beigesetzt. Die Figur hatte eines Morgens vor dem Portal gestanden. Sie zeigte ein geflügeltes Wesen, der seine Flügel schützend ausbreitete und mit grimmiger Miene jeden anzublicken schien, der sich dem Grab näherte.

Bilal hatte seinen Respekt gegenüber Reuven gezeigt, der die Urne mit Sebastians Asche vom Friedhof in Plauen entführt hatte. Er hatte keine Nachricht mitgeschickt, aber am Fuß des Sockels, auf dem die Figur hockte, hatte Malte am Abend Bilals Tughra entdeckt. Sie reflektierte das Mondlicht und war tagsüber nicht zu sehen. Ein paar von Reif überzogene Rosensträucher standen in der Nähe des Grabes.

Sie hob stumm die Hand und zeigte mit dem Zeigefinger aus dem Fenster. Die anderen folgten der ausgestreckten Hand. Cosmin stand still vor dem Grab und das helle Mondlicht ließ Cosmins Silhouette wie ein Schatten auf das Grab fallen.

Der Ring war unterwegs. Er flog über das dunkle Bonn und wurde immer schneller, denn er wurde von etwas angezogen, das noch weit weg war. Er flog dem Sonnenaufgang entgegen, denn sein Ziel lag weit im Osten. Seines Trägers Spur verblasste dort, wo er sich am häufigsten aufgehalten hatte, immer mehr.

In großer Ferne jedoch flackerte ein unruhiges und schwaches Signal, und der Ring hielt darauf zu. Er sehnte sich danach, wieder mit seinem Träger vereint zu sein. Die immense Kraft, die ihn anzog, war wie die Sehne eines Bogens, die bis zum Anschlag gespannt war und kurz vor dem Zerreißen stand.

 

Anruf aus Dresden

Peter Harrach hielt sich wie jeden Mittwoch außerhalb der Sitzungswochen des Bundestages in seinem Plauener Wahlkreisbüro auf. Der sächsische CDU-Abgeordnete bearbeitete seine Post, als das Telefon klingelte. Ein Anruf aus der Dresdner Landtagsfraktion, wie er an der Nummer erkannte. Genauer gesagt, es war die Nummer des Fraktionsvorsitzenden, der gleichzeitig auch der Landesvorsitzende der sächsischen CDU war. Sie kannten sich gut und waren nicht nur Parteifreunde.

»Peter! Wie geht es dir?«

»Hallo Arnold, was soll ich sagen?«, antwortete er und seufzte. »Elisabeth geht es besser, denn sie findet Trost in der Kirche.«

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber das ging den Parteifreund nichts an. Sebastians Mutter war nach dem Begräbnis ihres Sohnes in schwere Depressionen verfallen und er hatte sie mithilfe von Alt-Dekan Pleskow in ein kirchliches Sanatorium eingewiesen. Offiziell hatte sie eine Erholungsreise angetreten.

»Das freut mich zu hören. Grüße sie herzlich von mir. Wir müssen uns bald mal wieder zum Essen treffen.«

»Gern. Was kann ich denn für dich tun, Arnold?«

»Nun, was soll ich sagen? Es ist vielleicht nicht der richtige Moment, aber vielleicht kann ich etwas für dich tun. Die Fraktion weiß natürlich, dass es dich eigentlich nach Berlin ins Kabinett zieht.«

»Kauder hat mir den Posten des Parlamentarischen Staatssekretärs im Familienministerium angeboten. Du weißt doch, dass Familienpolitik mein Fachgebiet ist. Was kann ich denn in Dresden ausrichten?«

»Es ist noch nicht an die Öffentlichkeit weitergegeben worden, aber der MP wird das Kabinett umbilden müssen. Suhrmann ist tot.«

»Du lieber Himmel! Was ist dem Innenminister passiert?«

»Er starb im Bett«, antwortete Arnold etwas zögernd.

»Im Bett?«

Arnold antwortete nicht sofort und Peter hakte nach. Er hatte den Innenminister gut gekannt. Mehr als einmal hatte er ihm ins Gewissen geredet.

»In wessen Bett?«

»Bei einer Nutte!«, antwortete er widerstrebend und seufzte, als Peter scharf die Luft einsog. »Himmelherrgott, du kennst Suhrmann doch!«

»Hurerei und Glücksspiel! Ich habe nie verstanden, warum Tillich ausgerechnet ihn ins Kabinett gerufen hat. Ich habe ihm immer davon abgeraten.«

Als Arnold schwieg, bohrte Peter nach.

»Da ist noch mehr, Arnold, ich kenne dich! Raus mit der Sprache.«

»Suhrmann starb im Bett einer tschechischen Prostituierten. Und sie war noch nicht volljährig. Es sind auch Drogen gefunden worden.«

Peter blieb kühl. Er kombinierte blitzschnell. Die brauchen dich. Das wird sonst ein Skandal, und das wird die Partei auffangen müssen mit einem glaubwürdigen Gesicht. Deswegen hat er dich angerufen. Das ist deine Chance. In der Politik muss man ständig zwei Augen offen halten. Und eines davon schaut nach hinten, um rechtzeitig zu erkennen, ob dir jemand ein Messer in den Rücken rammt.

»Der MP wird das Kabinett umbilden. Der Landwirtschaftsminister soll Suhrmanns Nachfolger werden und du könntest sein Ressort übernehmen. Oder das Verkehrsressort.«

Arnold musste wohl seine Gedanken geahnt haben. Er begann zu pokern.

»Peter, wir wollten dich in den letzten Wochen nicht zusätzlich belasten. Wir wissen, was du durchgemacht hast. Aber vielleicht ist es an der Zeit, eine neue Aufgabe anzugehen.«

»Ich weiß nicht«, zögerte er. Es war nie gut, sofort ja zu sagen, auch wenn sie beide wussten, dass das nur Spiegelfechtereien waren. »Mit Landwirtschaft und Verkehr habe ich mich nie beschäftigt. Was soll ich da bewirken? Eine Schafherde über die Autobahn treiben? Das kriege ich vielleicht noch hin, aber ich bezweifle, dass wir damit einen Wahlkampf bestreiten können.«

Arnold lachte dröhnend, bevor er fortfuhr.

»Es freut mich, dass du etwas Humor bewahrt hast.«

»Nein«, antwortete Peter schließlich.

»Was soll das heißen?«

»Wenn Tillich mich will, dann nur als Innenminister«, forderte er, wohl wissend, dass Arnold die Entscheidungen traf. Tillich war viel zu luschig, um solche Entscheidungen allein zu treffen. Der MP galt allgemein als schwach.

Er überlegte kurze Zeit. Blitzschnell gingen ihm ein paar Gedanken durch den Kopf. Wieder einmal sah er einen Beleg für den Erfolg seiner  geschäftlichen Partnerschaft mit Ioan Radulescu. Unsere Consulting-Firma werde ich endgültig aufgeben müssen. Vom Büro in Berlin konnte ich noch einiges erledigen, aber als Minister geht das nicht mehr. Dann muss Johannes eben die Leitung übernehmen. Das wird er schaffen und erfolgreich fortführen. Das Pendeln zwischen Berlin und Plauen würde aufhören. Dresden war näher, das war recht angenehm. Natürlich würde sein Einfluss wachsen und als Innenminister war er auch Ansprechpartner für Sport und Kirchen. Viele Möglichkeiten ergaben sich dabei. Er würde einiges bewegen können.

»Arnold, ich will das Innenressort. Und die Zusage, dass im nächsten Haushalt der Etat aufgestockt wird. Plus die Unterstützung, mehrere personelle Umbesetzungen in den Polizeipräsidien vornehmen zu können.«

Glücklicherweise konnte Arnold ihn nicht sehen. Sie wußten beide, dass er hoch pokerte.

»Wir könnten natürlich die Liebermann fragen«, deutete Arnold an.

Er schnaufte sehr empört, als der Name von Christiane Liebermann fiel. Die Landtagsabgeordnete aus Chemnitz, geschieden und alleinerziehende Mutter zweier Töchter, noch dazu von unterschiedlichen Vätern, gehörte zu seinen schärfsten innerparteilichen Gegnerinnen.

»Sonst habt ihr niemanden?«, fragte er scharf. »Die linksversiffte Liebermann als Innenministerin? Diese Frau ins Kabinett zu berufen, das ist ja wohl das Allerletzte. Ich hör wohl nicht recht! Die hat sich hochgeschlafen, schon seit ihrer Zeit bei der Jungen Union.«

»Du weißt selber, wie dünn unsere Personaldecke ist. Sie ist immerhin Juristin. Vergiss nicht, wie was die Frauen-Union fordert.«

Peter Harrach schnaufte abfällig.

»Es ist nicht mehr wie früher, Peter, die Frauen wollen angemessen in der Politik berücksichtigt werden. Auch in der Regierung.«

»Eure Frauen sollen in den Gemeinden schweigen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie es auch das Gesetz sagt«, zitierte er als Antwort. »Die Liebermann täte besser daran, sich um ihre Kinder zu kümmern und in der Bibel zu lesen. Wenn sie schon unverheiratet ist.«

Als Arnold die Liebermann nannte, wusste Peter, dass er gewonnen hatte. Nach dem Zwischenfall mit der Prostituierten wäre die Liebermann kaum durchsetzbar.

»Der Kreisverband Plauen ist so stark geworden, dass das endlich angemessen berücksichtigt werden mußss Meine Basisarbeit hat Früchte getragen!«

»Ich werde den MP wohl überzeugen können«, räumte Arnold ein. »Also gut, dann machst du den Job als Innenminister. Tillich wird dich morgen anrufen und übermorgen offiziell der Fraktion vorschlagen, du legst dein Bundestagsmandat nieder und wirst Ende der Woche vereidigt.  Glückwunsch Herr Minister!«

Er legte auf und Peter Harrach war fast schwindlig. Das Innenministerium! Das war ein gewaltiger Sprung nach vorn.

 

Streit im Turmhof

Malte betrat Cosmins Arbeitszimmer. Normalerweise war es sehr sauber und aufgeräumt, doch in den letzten Wochen hatte Cosmin es kaum noch verlassen. Meistens dort sogar geschlafen. Und so sah es dort auch aus. Die Luft war abgestanden, leere Blutkonserven und abgelegte Kleidungsstücke lagen herum. Er ging schnurstracks auf Cosmin zu. Der schaute nicht einmal auf.

Elias und Jan folgten ihm, denn Malte war wütend. Und das kam selten vor. Aber Malte hatte sich nach dem Zwischenfall mit Salentin aufgerafft.

»Hör zu, Reißzahn«, knurrte er, »du hörst mir jetzt genau zu. Ich will dir mal was sagen. Wir alle trauern um Sebastian und du hast deinen Lover verloren. Und Basti hat dich auch geliebt. Ich weiß das, denn er hat mir oft genug gesagt, wie glücklich du ihn gemacht hast. In all den Jahren, die ich Sebastian gekannt habe, war die Zeit, die er mit dir hatte, die für ihn tollste Zeit.«

Cosmin starrte teilnahmslos vor sich hin, während Malte sich immer mehr in Rage redete.

»Aber wir leben noch, du lebst noch und wir haben die verdammte Pflicht herauszufinden, was mit Sebastian passiert ist. Herrgott noch mal, wer ist denn hier der mächtige Vampir, der mit Magie umgehen kann? Wer von uns schwimmt im Geld und könnte die halbe Welt mobilisieren? Auf wen wartet die magische Community in Köln?«

»Lass mich in Ruhe!«

»Das könnte dir so passen! Ich lasse dich nicht in Ruhe! Ganz bestimmt nicht!«

Zum ersten Mal in seinem Leben berührte Malte Cosmin richtig. Er packte den Vampir an den Oberarmen und zog ihn zur Verblüffung aller mit einem Ruck über den Schreibtisch. Malte war kräftig und hatte eine beeindruckende Muskulatur, wenn er auch sonst immer gern den Nerd

gab. Cosmin ließ es mit sich geschehen. Er blinzelte etwas überrascht.

»Ich werde hier zum Alkoholiker, weil ich es kaum noch ertrage. Entweder ich denke an Basti oder ich sehe dich. Beides tut verdammt weh, aber ich habe nicht vor zuzusehen, wie hier alles den Bach runtergeht. Ich drehe fast durch und bringe Salentin in eine verflucht unangenehme Lage.«

Er schüttelte Cosmin heftig.

»Komm zur Besinnung, Alter!«

»Hau ab!«

»Das hättest du wohl gern! Damit du dich in deinem Selbstmitleid ertränken kannst? Schwachsinn!«

»Du hast ja keine Ahnung«, sagte Cosmin mit dumpfer Stimme.

Jan und Jens waren am Eingang stehen geblieben und beobachteten, wie Malte mit Cosmin umsprang.

»Meinst du, er schafft das?«, flüsterte Jan.

»Ich hoffe es, Habibi, aber wenn ich Cosmin so sehe, habe ich meine Zweifel.«

»Weißt du was? Ioan hat recht«, sagte Malte plötzlich. »Ja, ich glaube, dass Ioan völlig recht hat. Du bist kein wahrer Vampir. Bei deiner Verwandlung ist irgendwas schief gelaufen. Du bist ne elende Flasche, ne dumme Vampirschwuchtel, mit der man alles machen kann. Du hast Basti gar nicht verdient. Basti hätte sich für dich mit Ioan angelegt, der wär für dich durch die Hölle gegangen, einmal hin und zurück, und wenn das nicht gereicht hätte, dann hätte er den Teufel dazu gebracht, nach dir zu suchen. Aber du, was machst du?«

»Wow, das hätte ich Malte gar nicht zugetraut«, sagte Elias staunend zu Jan, dem auch der Mund offen stand. Malika und Salentin kamen ebenfalls in das Büro. Maltes wütendes Gebrüll schallte durch den halben Turmhof.

Die drei beobachteten die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Vampir, die ziemlich einseitig verlief.

»Du flennst nur rum, anstatt diejenigen zu jagen, die Basti gefoltert und umgebracht haben«, brüllte Malte plötzlich und stieß Cosmin unerwartet von sich. »Komm endlich zu dir!«

Cosmin fiel hinter dem Schreibtisch hin und rührte sich nicht.

Malte wartete vergebens. Schließlich drehte er sich um und ging.

»Kommt, wir gehen«, sagte er und es lag Verachtung in seiner Stimme. »Ich gäbe was drum, sein Geld und seine Macht als Vampir zu haben. Meine Seele würde ich geben, um seine Möglichkeiten zu haben. Ich würde jeden Stein umdrehen, um herauszufinden, was los ist. Und wenn ich eine Spur hätte, würde ich ihr nachgehen, bis ich mehr wüsste. Und was macht er?«, schimpfte Malte außer sich. »Jammert vor sich hin. Irgendwann holt er sich dann den nächsten süßen Jungen, wenn er genug getrauert hat. Dem zeigt er dann seine Steinsammlung ermordeter Liebhaber und fickt den nächsten Jungen ins Nirwana.«

»Malte, jetzt ist gut«, sagte Jan mahnend. »Das geht zu weit.«

»Ist doch wahr!«, knurrte Malte, als er hinter sich die Tür ins Schloss fallen ließ. Cosmin blieb allein zurück.

Es war Sonntag, als ein Schlag ein Fenster des Instituts traf und es in tausend Splitter zerspringen ließ, die wie Hagelgeschosse in einem Sturm auf die im Raum befindlichen Pfleger prasselten. Einige Pfleger schrien schmerzhaft auf, als sie von den Scherben getroffen wurden. Blut spritzte auf die weiß gestrichenen Wände. Ein Mann sank tot auf dem Boden zusammen, als eine Scherbe seine Stirn durchbohrte.

Der Ring hatte das Fenster durchschlagen und flog auf dem Weg zu seinem Ziel durch den Aufenthaltsraum der Pfleger, was in dem Chaos unbemerkt blieb. Mit einem Knall durchschlug er auch die hölzerne Tür, die auf den Gang führte.

Er flog weiter und wurde immer schneller. Schwester Malgorzata Koslowski, tyrannische Leiterin der Pflegeabteilung und mehrere Schwestern starben, als sie gerade aus der Kapelle kamen und der Ring sie zischend durchbohrte. Sie wussten nicht, was ihnen geschah und waren tot, noch bevor sie auf den Boden fielen. Der Ring zog eine blutige Spur der Verwüstung hinter sich her.
Er flog durch die Gänge des Instituts, kam an Kapelle, Behandlungsräumen und Kantine vorbei. Überall nahm der Ring Eindrücke auf, Ängste und Schmerzen, die er fühlte und die zu den Ängsten und Schmerzen passten, die ihn zu seinem Ziel führten. Vor jedem, der diese Ängste hatte, verharrte der Ring und prüfte ihn.

Der fünfzehnjährige Tayfun, der vor drei Wochen von seinen Eltern ins Institut gebracht worden war, um einen Mann aus ihm zu machen, hielt sich in seinem Zimmer auf. Ein Pfleger war bei ihm und wachte darüber, dass der junge Türke seine Medikamente nahm, als die Tür aus der Fassung gerissen wurde.
Tayfun hatte Angst. Der Pfleger hatte ihn geschlagen und hob auch jetzt wieder die Hand, als er sich weigerte, die Tabletten zu nehmen. Tabletten, nach denen er sich immer seltsam fühlte und nicht mehr wusste, wer er war.

Er wollte diese Tabletten nicht nehmen und schrie zornig. Schrie seine grenzenlose Wut heraus, als hinter dem Pfleger etwas auftauchte, was wie ein kleiner Komet aussah. Hell leuchtete es.
Tayfun hörte eine Stimme in seinem Kopf, eine Stimme, die ihn fragte, was los war und warum er Angst hatte. Die Frage klang verärgert, aber nicht aggressiv ihm gegenüber. Etwas wie Hilfsbereitschaft schien sich dahinter zu verbergen.

„Bist du ein Dschinn?“
„Mit wem redest du da? Nimm endlich deine Tabletten! Oder soll ich nachhelfen?“

Und Tayfun setzte alles auf eine Karte. Er erzählte, wie seine Eltern ihn mit einem Freund im Bett angetroffen hatten. Wie sein Vater ihn verprügelt hatte und wie der Freund totgeschlagen worden war. Wie seine Eltern ihn wochenlang eingesperrt hatten, und er sein Zimmer nur unter Aufsicht hatte verlassen dürfen, um auf Toilette zu gehen. Wie seine Mutter davon gesprochen hatte, dass er die Ehre seiner Familie beschmutzt und sogar den Propheten mit seinem Tun beleidigt hätte, und dass die Familie alles tun würde, um ihn zu einem Mann zu machen. Madschnun sei er, und das sei haram.
Dann hätte man ihn hierhergebracht und alles sei noch schlimmer geworden. Schläge, Essensentzug, Dunkelheit und Medikamente. Und widerliche Sachen, über die er nicht sprechen konnte.

„Bitte hilf mir“, flehte er schließlich. „Oder töte mich! Aber es soll aufhören!“
Das alles ging blitzschnell, es war keine verbale Kommunikation, sondern eine Abfolge von Bildern in seinem Kopf. Wie ein Film spulte er das Erlebte ab.
In dem Film tauchten auch Gesichter anderer Personen auf, Pfleger, Ärzte und Leidensgenossen.
Die Stimme zeigte ihm ein Gesicht, das Gesicht eines Jungen mit bunten Augen und fragte, ob er diesen Jungen mit Namen Sebastian gesehen hätte oder wüsste, wo er ist.
Tayfun konnte dazu nichts sagen. Aber er wusste, wer es wissen könnte und zeigte stumm auf seinen Pfleger.
Der Pfleger, der schon einen Elektroschocker in der Hand hielt, merkte, dass hinter seinem Rücken etwas passiert sein musste, und drehte sich um.
Dann fing das Wimmern an, das sich zu einem Kreischen steigerte. Abrupt brach das Kreischen ab und der Pfleger schien für einen kurzen Moment zu erstarren, ja irgendwie fast auszutrocknen, wie es Tayfun schien. Etwas wie Dunst, wie durchsichtiger Nebel floß aus dem Körper heraus und wurde von dem Ring aufgesogen. Auf einmal breiteten sich Risse in seinem Gesicht auf, und der verblüffte Tayfun hatte den Eindruck, dass der Mann das alles bei lebendigem Leibe mitbekam, denn seine Augen bewegten sich suchend. Sie suchten nach der Antwort auf die Frage, was mit ihm passierte.
Schließlich löste sich der Körper des Pflegers auf. Staub rieselte von ihm herab und dann war da nur noch ein Haufen Arbeitskleidung inmitten von etwas Dreck.
Tayfun bekam große Angst. Er dachte, dass er jetzt sterben würde. Doch die Stimme beruhigte ihn.
Warte ab. Alles wird gut.
Der Ring verließ den Raum und flog auf den Gang.
Tayfun hörte noch viele Male die Geräusche, wie Türen zerbarsten, wie Personen laut schrien und abrupt verstummten. Vorsichtig wagte er sich auf den Gang und er sah, wie andere junge Leute auf dem Gang auftauchten. Verängstigt, mit verhärmten Gesichtern, jedoch mit einem Hoffnungsschimmer standen sie da und Tayfun ging zu ihnen.
Überall bekam er die gleiche Geschichte zu hören, wie sie auch ihm passiert war.

Institutsdirektor Dr. Marian Sulkowski war von dem Alarm überrascht worden. Das erste Geräusch des berstenden Fensters hatte ihn aufschrecken lassen und dann, als die Schreie begannen, war er auf den Gang gelaufen. Als ihm seine Mitarbeiter zuerst beunruhigt, dann immer panischer entgegenkamen, hatte auch ihn Angst ergriffen. Er war in sein Büro geflüchtet, hatte die Tür verriegelt und wollte Feuerwehr und Polizei rufen. Aber das Telefon funktionierte nicht.
Er schaltete die Sicherheitskameras ein und versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Fieberhaft switchte er von einer Schaltung zur anderen. Überall das gleiche Geschehen. Schemenhafte Blitze, zusammenbrechende und sterbende Mitarbeiter.
Was geht hier vor?
Überall war das Klappen von Türen zu vernehmen. Türen und Rettungswege, die normalerweise nach außen führten und unverschlossen zu sein hatten, waren verschlossen. Nach außen führende Türen ließen sich nicht mehr öffnen. Auf einem Bild sah er, wie ohne irgendwelches Zutun ein Fenster zuklappte und der Rahmen mit den Fenster zu verschmelzen schien. Ebenso die Tür, die nach draußen führte. Im Türspalt schien es zu leuchten. Rauch stieg auf.
Aber die Türen zu den gesicherten Zimmern, in denen das Material, die von der Homoseuche Infizierten, aufbewahrt wurden, diese Türen standen offen. All das sah er auf den Monitoren und Überwachungsanlagen, die in seinem Büro standen. Das Institut verwandelte sich in eine Festung, die niemand verlassen konnte.
Er murmelte ein Gebet und bekreuzigte sich. In der Tasche fühlte er die kleine Bibel, die er immer dabei hatte, um den Patienten, bei denen Hoffnung auf ein christliches Leben keimte, Stärkung zukommen zu lassen. Dann tastete er nach dem Kreuz, das um seinen Hals hing, und rannte erneut auf den Gang. Sein Lebenswerk war in Gefahr.

Dann erreichte der Ring endlich, nach einer wochenlangen Suche, und zahlreichen Zwischenstopps, sein Ziel. Die Tür zu dem Zimmer, in dem Sebastian lag, explodierte in einer Wolke aus Feuer, Staub und Asche und der Ring landete vor Sebastians Hand. Wie von selbst schlüpfte er auf Sebastians Mittelfinger. Eine Weile rührte Sebastian sich nicht und starrte blicklos an die Decke. Ein Leuchten ging von dem Ring aus und breitete sich über den Körper des jungen Mannes aus.
Mit einem markerschütternden Schrei erhob Sebastian sich von seinem Bett, nachdem die Fesseln von ihm abgefallen waren. Ein Feueralarm schrillte durch die Räume und Gänge des Instituts, als Sebastian sich auf den Weg machte. Langsam, Schritt für Schritt, nahm der geschwächte Sebastian den Weg zu dem Ziel auf, das der Ring ihm nannte.
Sicherheitskräfte versuchten, das Institut zu evakuieren, und einer der Security-Mitarbeiter packte Sebastian am Arm, als er nicht auf eine gebrüllte Anordnung reagierte. Ein Blitz traf ihn aus dem Ring und er verging zu einem Haufen Asche, die sich auf dem Boden verteilte.
Sebastian stolperte mehr, als dass er ging. Weitere Ärzte, Pfleger und Schwestern kamen ihm entgegen, darunter der Direktor des Instituts.
„Bleiben Sie stehen“, rief der Direktor und griff nach Sebastian, der dann stehenblieb. „Sie kommen mit.“
„Nein“, flüsterte Sebastian emotionslos und schüttelte langsam den Kopf. Eine Gruppe junger Leute kam, geführt von anderen Pflegern, und sollte offensichtlich evakuiert werden. Einige wehrten sich, andere folgten lethargisch den Anweisungen.
„Warum hilft uns denn niemand? Ich will hier raus“, schrie ein junger Mann verzweifelt und schlug nach einem der Pfleger. Der Pfleger griff nach einem Elektroschocker und zuckend brach der Junge zusammen. Nur wenige Meter von Sebastian entfernt.
Sein Kopf zuckte zur Seite, als er das Geräusch des Schockers hörte und dann ging es schnell. Er reckte die Hand mit dem Ring in die Luft in Richtung der bulligen Pfleger, von denen einige ihn gequält hatten. Blitze zuckten und trafen ihr Ziel.
Ungläubig folgte der Direktor dem Geschehen. Seine Pfleger brachen zusammen. Er schlug nach Sebastian, was diesen nicht innehalten ließ. Wortlos nahm er jetzt den Direktor ins Visier.

 

Siehe auch:

 

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